Beethoven auf dem Weg nach Bonn
Benefiz-Konzert von Christoph Eschenbach, Tzimon Barto und Stefan Vladar
Eines der letzten großen Heiligtümer der Beethoven-Forschung, das Autograph seiner "Diabelli-Variationen" op. 120, steht ...
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Beethoven auf dem Weg nach Bonn
Benefiz-Konzert von Christoph Eschenbach, Tzimon Barto und Stefan Vladar
Eines der letzten großen Heiligtümer der Beethoven-Forschung, das Autograph seiner "Diabelli-Variationen" op. 120, steht zum Verkauf, und wenn alles gut geht, bekommt das Beethoven-Haus Bonn den Zuschlag. Der Preis scheint astronomisch hoch, aber nicht unbezahlbar. Die Schweizer Privatleute, die sich nach 80 Jahren von diesem kostbaren, 81 Seiten umfassenden Besitz trennen wollen, haben dem Beethoven-Haus ein Vorkaufsrecht eingeräumt, das Ende dieses Jahres abläuft. Wie bei einem Benefiz-Konzert für den Ankauf der Handschrift im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals am Sonntagabend vom Direktor des Beethoven-Hauses Andreas Eckhardt in Wotersen zu erfahren war, hat sein Haus bereits genügend Kapital angesammelt, um 28 der 33 Variationen zu erwerben - die ihm gestifteten Einnahmen des Abends in Wotersen mit eingerechnet.
28 von 33: das ist natürlich nur als Verhältniswert relevant - ein Verkauf einzelner Abschnitte der Urschrift dieses ungeheuren Klavierwerks steht nicht zur Diskussion. Deshalb gab Eckhardt sich zuversichtlich, dass die Handschrift bald der Stiftung Beethoven-Haus gehören wird und dann als Faksimile auf Papier sowie in digitaler Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.
Zur Unterstützung dieser noblen Absicht verzichteten die drei Pianisten Christoph Eschenbach, Tzimon Barto und Stefan Vladar auf ihre Gage, auch die Reithalle in Wotersen wurde kostenlos zur Verfügung gestellt, und Steinway rollte ohne Berechnung gleich zwei Flügel auf die Bühne, denn der lange Benefiz-Abend begann mit Johannes Brahms' Sonate für zwei Klaviere f-Moll op. 43b - in der späteren Fassung für Klavierquintett eines der bewegtesten und aufregendsten Kammermusikwerke von Brahms.
Eschenbach und Barto spielten mit musikantisch lebendigem Zugriff, im Zweifel für das Herz votierend statt für Perfektion. Das Andante gestalteten sie als klangtiefe Meditation im Volksliedton, die harmonisch erregend undefinierbaren Eingangstakte des Finales isolierten sie wie eine große Rätselfrage; ihre Antwort weist nach Schönbergs Diktum über "Brahms, den Fortschrittlichen" in die Anfänge des 20. Jahrhunderts.
Herzstück des Konzerts aber waren die Diabelli-Variationen selbst, die der österreichische Pianist Stefan Vladar mit heiligem Ernst zum Klingen brachte. Pianistisch über jeden Zweifel erhaben, in einer Tour de force an Konzentration, Ego-Ausschaltung und Klangkontrolle, ließ Vlader die oft krassen Wechsel in Artikulation, Gestus und Tempo der "Veränderungen" aus dem Klavier aufsteigen - wie ein Wettermacher, der über alle Klimata gebietet, ohne sich darauf das Mindeste einzubilden.
Anschließend verteidigte Tzimon Barto seinen Ruf als Piano-Rambo. Wie schon beim Duett mit Eschenbach setzte er dem Instrument zu, bis es zu schnarren begann - vermutlich vibrieren unter seinen Pranken die Notenblätter, ohne die er öffentlich nicht zu spielen wagt. Bartos "Appassionata" von Beethoven wird uns als brutalstmögliche Deutung derselben in Erinnerung bleiben - hoffentlich nicht allzu lange. TRS
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